
Erinnerungen an Trudi Zollinger
In der Bibliothek in Wernetshausen traf sich am 2. November eine Schar Menschen, um der vor sechs Jahren verstorbenen Trudi Zollinger zu gedenken. Die Organisatoren zeigten sich positiv überrascht, dass doppelt so viele Interessierte kamen, als angenommen. Zwei von Trudis insgesamt vier Kindern führten durch Vorlesen aus dem Geschichtenbuch von Trudi, musikalisch mit Handorgel begleitet, sowie freien Erzählungen und Episoden durch den Abend.
Trudi war eine begnadete Erzählerin und schrieb ihre Geschichten auf, wie sie sie erzählt hätte. Ihr Sohn meint, es sei ein frecher Schreibstil, zu vergleichen mit naiver Malerei. Trudi schrieb in ihren Texten über das einfache Leben im Bauerndorf Wernetshausen, welches sie als Frau einer Arbeiterfamilie führte. Es ging nie um ihre Selbstverwirklichung. Ein Nähkurs hatte einen existenziellen Hintergrund, denn wenn das Geld für Hosen fehlte, musste man sie eben selber machen können. Der Sohn meint zwar, dass er sich in der Oberstufe sehr über ein paar Jeans gefreut habe, rückblickend habe ihm jedoch nichts gefehlt. Es gab heitere Episoden, die über den Weg von Ringwil nach Wernetshausen zum Schuhmacher berichteten, über das Skifahren in Wernetshausen, über das Servieren auf dem Bachtel und im Hohen Schlössli, welches früher Frohberg hiess, bis hin zum Fasnachtschüechli backen. Diverse Dorforiginale bekamen eine Würdigung, was manchen Lacher auslöste.
Eine kurze, fachliche Diskussion entstand, als Peter Zollinger von der Arbeit aus der Stickelei berichtete. Waren die Strassenpfosten nun zwei Meter oder zwei Meter zwanzig hoch und wieso? Ältere Bewohner erinnerten sich, dass die Pfosten wirklich sehr lang waren, da sie einen halben Meter im Boden steckten und der Schnee in Wernetshausen meterhoch war. Im Anschluss an die Veranstaltung gab es im Rahmen eines Apéros viel interessanten Austausch unter dem Aspekt « Weisch no ? » Wäre Trudi nicht so offen auf ihre Mitmenschen zugegangen, hätte sie sich nicht aktiv am Dorfleben beteiligt und sich auch um Randexistenzen gekümmert, wäre niemals solch ein Geschichtenschatz entstanden. Trudi selber meinte im Alter : «Ich gehöre zum Dorf.» Und dies obwohl sie nicht hier aufgewachsen war. Geht es Ihnen auch so?
Christian Koch, Heimweh-Wernetshauser